Das Neurologische Institut Konolfingen – spezialärztliche Tätigkeit in der Peripherie

Wenn ich Bekannten im Ausland erzähle, ich wohne auf dem Land, fragen sie, wie weit denn vom Zentrum entfernt. Meine Antwort «15 Minuten mit der S-Bahn» wird oft mit Lachen quittiert – das sei ja im Zentrum! In Konolfingen sind wir aber tatsächlich auf dem Land, hören nachts die Glocken von Schafen und Kühen und grüssen Unbekannte auf dem Trottoir beim Kreuzen. Als ich im Sommer 2017 die Praxis eröffnet habe, fragte ich mich, ob es denn in der «Peripherie» einen Bedarf gebe für einen Neurologen. Das Fachgebiet der Neurologie befasst sich mit dem Nervensystem, d.h. mit dem Gehirn und den Nerven, mit Themen wie Lähmungen, Kopfschmerzen, Parkinson, Epilepsie, Multiple Sklerose, Spastik, Schlaganfällen, Demenz und vielen weiteren Krankheiten. Die Neurologie hat den grossen Vorteil, dass ein sehr wesentlicher Teil der ärztlichen Tätigkeit das Patienten-Gespräch und die klinische Untersuchung bleiben und fast alle neurologischen Zusatzuntersuchungen ambulant gemacht werden können. Damit ist es möglich, fast das ganze breite Gebiet der Neurologie auch für anspruchsvolle Fragestellungen und Behandlungen in einer Praxis zu bedienen. Die Patientinnen und Patienten können wohnortnahe beurteilt und betreut werden, die «Zentrumsmedizin» ist für die Neurologie nur selten an ein Stadtzentrum gebunden. Somit erwies sich der Bedarf für einen Neurologen auf dem Land als durchaus gegeben, und bald wurde es eine Herausforderung, der Nachfrage gerecht zu werden.

Da ich die Praxis 2017 im Zahnärztlichen Institut eröffnet habe, war der Name «Neurologisches Institut Konolfingen» – kurz das «NIK» – naheliegend, allerdings mit einem Augenzwinkern angesichts des bescheidenen Anfangs. Aber immerhin kam die Zahnmedizin dank dem pionierhaften Einsatz der Lokalanästhesie durch meinen Urgrossvater, Dr. med. Max Schüpbach (1871-1953), nach Konolfingen, und so war das partnerschaftlich symmetrische Eingangsschild der beiden «Institute» gerechtfertigt. Die Arbeit nahm so rasch zu, dass es weitere Unterstützung brauchte. Vor allem Dr. Sebastian Bellwald, aber auch Dr. Claude Vaney und Frau Prof. Barbara Schäuble waren wertvolle ärztliche Mitstreiter im NIK an der Burgdorfstrasse. Bald wurden aber die verfügbaren Räume zu knapp. Es folgte daher im Sommer 2024 der Umzug um nur gut 100 Meter an die Mooshausstrasse 1, wo das «Neurologische Institut Konolfingen» unmittelbar neben dem Bahnhof nun über ausreichend Räumlichkeiten verfügt. Mit Frau Dr. Ulrike Schneider, Prof. Dr. Kai Rösler, Dr. Klaus Gardill, Dr. Basel Maamari, Frau Dr. Elke Meier und Dr. Alexander Maurer sind wir nun sieben Neurologinnen und Neurologen, um in vereintem Einsatz den Aufträgen gerecht zu werden. Besonders erfreulich ist es, dass mit Dr. Christian Kämpf und Frau Dr. Claudia Jöstingmeier eine wichtige Schwesterdisziplin der Neurologie, nämlich die Psychiatrie, in unserem Institut auch Fuss gefasst hat.

Die Befürchtung, der Wechsel von der akademischen Tätigkeit am Universitätsspital in die Praxis als Niedergelassener bedeute eine intellektuell weniger anspruchsvolle Arbeit, hat sich überhaupt nicht bewahrheitet. Im Gegenteil, als erste spezialärztliche Front nach der Zuweisung durch den Hausarzt oder die Hausärztin begegnen wir täglich einem breiten Panorama neurologischer Fragestellungen, von denen man täglich dazulernt. Das Nachlesen ist Teil der Aufgabe und bewahrt die ärztliche Tätigkeit vor Routine und Langeweile; allerdings findet sich meist erst am Abend oder Wochenende Zeit für die Lektüre. Von der Tätigkeit in Lehre und Forschung dachte ich beim Weggang vom Inselspital Abschied nehmen zu müssen. Auch dieser Verlust ist glücklicherweise nicht eingetreten. Das Publikum für die erteilten Fortbildungen hat sich etwas gewandelt, aber das Angebot findet weiterhin interessierte und freundliche offene Ohren. Und schliesslich ergab sich als Glücksfall die Gelegenheit, am Neurologischen Institut Konolfingen ein neues Parkinson-Medikament zu untersuchen, das nun seit 2021 in einer Phase 1-Studie erforscht wird. Selbst klinische Forschung kann man in der «Peripherie» machen!

Nach Umzug und Erweiterung ist das Neurologische Institut Konolfingen im Aufbau. Der tägliche, anregende Austausch mit Patientinnen und Patienten und aller Mitarbeitenden untereinander gestaltet unser NIK. Es ist ein schönes und herausforderndes Abenteuer, eine spezialärztliche Versorgung in der geliebten heimatlichen «Peripherie» aufzubauen.

PD Dr. med. Michael Schüpbach, Frühling 2026